Experten für Kindermedizin trafen sich Ende April im oberbayerischen Tutzing. In der Akademie für politische Bildung fand der
1. Kindergesundheitsgipfel statt. An der so wichtigen Tagung zur Bedeutung der Kinderrechte für die Kindermedizin kamen Vertreter aller 37 Universitäts-Kinderkliniken in Deutschland, außerdem Juristen, Experten und Verbände aus der Gesundheitswirtschaft an den Starnberger See, um sich gemeinsam den vielfältigen Herausforderungen der Kindermedizin zu stellen. Politiker waren ebenfalls eingeladen; kamen aber nicht. Das ist sehr bedauerlich. Denn es ist wichtig, daß sich alle Interessensgruppen gemeinsam an den runden Tisch setzen, um Kindern in der Medizin mehr Rechte, mehr Möglichkeiten und endlich mehr Lobby zu geben.

 

Keiner bestreitet, daß die Kindermedizin in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat. Viele häufige Erkrankungen werden früh durch Impfungen, Antibiotika, Screenings oder regelmäßige Kontrollen der Kinder abgefangen und kommen gar nicht erst oder voll zum Ausbruch. Dennoch. Gerade in der kindermedizinischen Grundversorgung gibt es deutschlandweit nach wie vor beträchtliche Lücken. Immer noch erhalten Kinder häufig nicht die bereits vorhandene bestmögliche Therapie. Und es ist auch Eltern nicht zuzumuten, sich selbst via Internet mühevoll zu orientieren, um dann an den richtigen Spezialisten zu gelangen. Kinder versäumen auf diese Weise Behandlungszeit. Eltern wiederum verlieren Kraft und Mut, die Sie für ihre Kinder bräuchten und nehmen leider oft auch materiell Schaden.

 

Sehr häufig haben Kinder ganz andere Krankheitsbilder als Erwachsene. Selbst Krankheiten, die Kinder und Erwachsene gemeinsam haben, zeigen beim heranwachsenden Körper eines Kindes völlig andere Symptome als bei Erwachsenen. Sprich, manche Krankheiten und Entwicklungsprobleme von Kindern und Jugendlichen sind Erwachsenenmedizinern überhaupt nicht bekannt. Ein anderes Beispiel: die sogenannten seltenen Erkrankungen, die in achtzig Prozent der Fälle durch genetische Faktoren ausgelöst werden und deshalb schon von Geburt an eine Rolle spielen – Kinder sind also besonders häufig betroffen. Oft genetisch bedingt, oft chronisch verlaufend, oft wenig erforscht – eben, weil so selten. Wir sprechen hier von 5.000 bis 7.000 Krankheitsbildern, die – notabene – gemeinsam 5 bis 10 Prozent der Erkrankungen bei Kindern ausmachen.

 

Die geringe Lobby kranker Kinder wirkt sich gerade in Zeiten von Budgetkürzungen gravierend aus. So gibt es heute beispielsweise kaum gesicherte Daten, was Medikamentendosierungen für Kinder betrifft. Selten werden Arzneimittel spezifisch für Kinder entwickelt. Medikamente für Erwachsene werden mangels Alternativen in der Kinderheilkunde eingesetzt, ohne dass vorher entsprechende Studien gemacht worden wären. Großen Nachholbedarf gibt es auch und vor allem in der Behandlung krebskranker Kinder. Viele der im Kindesalter auftretenden Erkrankungen oder Tumorformen kommen bei Erwachsenen kaum oder gar nicht vor. Damit spielen sie für viele pharmazeutische Unternehmen nur eine sehr untergeordnete Rolle: Forschung und Entwicklung von Medikamenten orientieren sich weiterhin an Erwachsenen. Fazit. In den vergangenen zehn Jahren sind nur wenige Medikamente für die Behandlung krebskranker Kinder zugelassen worden.

Im Nachbarland Österreich macht die Plattform „Politische Kindermedizin“ schon lange auf die vielen Missstände aufmerksam – und fühlt sich gleichermassen seit Jahren von der Politik abgespeist. Auch in Deutschland wird die Verantwortung für die Verbesserung der Kindergesundheit zwischen Ministerien, Bund und Ländern hin- und hergeschoben. Höchste Zeit, daß sich die Verantwortlichen aus Medizin, Forschung, Politik und Wirtschaft gemeinsam und mit ehrlichen Absichten zusammensetzen. Die Kindermedizin steht vor großen Herausforderungen. Nach dem Kinder-Gesundheitsgipfel ist vor dem Kinder-Gesundheitsgipfel. Wir bleiben dran.





Wendt, B. (1997).Lexikon der Kinderkrankheiten. Bergisch Gladbach: Honos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Dr. Christine Heins, R. r. (2000).Mein Kind ist Krank. Hamburg: COMPANIONS Glaenzer Linkwitz Wiskemann GmbH
Mary Rudolf, T.L. (2011).Paediatrics and Child Health. New Jersey, USA: John Wiley and Sons Ltd.